Faschismus wegbeamen

Faschismus wegbeamen

Anlässlich des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht versammelten sich gestern nach Angaben des ‚Berliner Bündnisses gegen Rechts‘ mehr als 5.000 Antifaschist_innen auf insgesamt zwei Demonstrationszügen und sechs Kundgebungen. Sie forderten „Kein Vergeben und kein Vergessen“ für die Taten der Nationalsozialist_innen während des NS-Regimes.

Weiterer Anlass für linke Aktivist_innen war es, gegen den „Trauermarsch für die Opfer von Politik“, zu dem der rechtsradikale Verein ‚Wir für Deutschland‘ aufgerufen hatte, auf die Straße zu gehen. Knapp 150 rechte Demonstrant_innen nahmen an dem Trauermarsch teil.

Und so verlief der Abend: Ich schließe mich um 17 Uhr der Demonstration des ‚Reclaim Club Culture‘ Netzwerks an, welche unter dem Motto „Faschismus Wegbeamen“ vom Rosa-Luxemburg-Platz über die Torstraße, Brunnenstraße und Invalidenstraße bis zum Europaplatz an der Nordseite des Hauptbahnhofs verläuft. Das Netzwerk rief die Demonstrant_innen dazu auf, die Berliner Straßen mit Lichtern, LEDs und Diskokugeln zum Leuchten zu bringen. Gleich zu Beginn, als ich die Treppen vom U-Bahnhof nach oben nehme, entdecke ich ein leuchtendes Schild mit der Aufschrift „Vielfalt statt Hetze“, dessen Lichter immer wieder die Farben wechseln. Auch ich wurde zuvor kreativ und brachte mein Schild mit dem Songtext von Schrei nach Liebe durch Knicklichter zum Scheinen.

Während vor mir aus dem Lautsprecher zu meiner Freude laut die Ärzte läuft, projizieren die Veranstalter_innen von ihrem Wagen aus antifaschistische Symbole, bunte Bilder und Texte, wie „Fear is a prison“ oder „Wie weit bist du bereit zu gehen, wenn deine Freiheit bedroht ist?“ an die Häuserfassaden. Neben mir laufen mit Lichterketten geschmückte Teilnehmer_innen und Mitglieder der linksjugend, die ihre Flaggen schwenken, hinter mir ein Banner mit der Aufschrift „Nazis essen heimlich Döner“. Ich bin begeistert von der Sorgfältigkeit und Kreativität der Demonstrant_innen, die dem Aufruf, Berlin zum Leuchten zu bringen, wohl nur zu gern nachgingen.

Als die Demonstration gegen 18:15 Uhr am Hauptbahnhof ankommt, beginnt am Europaplatz die Abschlusskundgebung. Nachdem ich dort kurz einer Rednerin zuhöre, gehe ich zu der Kundgebung des ‚Berliner Bündnisses gegen Rechts‘, die auf der anderen Seite des Hauptbahnhofes stattfindet. Ich habe den Eindruck, dass sich dort noch einmal mehr Menschen versammeln, als zuvor auf dem Demonstrationszug. Eine Rednerin des Bündnisses beginnt mit ihrem Beitrag: „Wir stehen heute hier, um gegen die Faschisten auf die Straße zu gehen, die heute durch das Regierungsviertel laufen wollen. Wir werden ihnen diesen Tag nicht überlassen. […] Wenn rechtsextreme Kräfte die NS-Zeit als Vogelschiss in der Geschichte bezeichnen und eine erinnerungspolitische 180° Wende fordern, zeigt sich nur einmal mehr, dass breite Bevölkerungsteile offensichtlich nichts gelernt haben oder lernen wollen.“.

Zur selben Zeit soll die rechtsextreme Auftaktkundgebung von ‚Wir für Deutschland‘ am Washingtonplatz stattfinden. Aufgrund der vielen linken Demonstrant_innen vor mir kann ich die rechte Demonstration nicht sehen. Aber als ich innerhalb meiner Reihen laute Pfiffe und Rufe, wie „Nazis raus!“ oder „Nazis, verpisst euch! Keiner vermisst euch!“ höre, wird mir klar, dass die Teilnehmer_innen rechten Demonstration angekommen sein müssen.

Gegen 19:30 Uhr verlasse ich die Kundgebung und mache mich auf den Heimweg, doch die Polizei lässt keine Demonstrant_innen in den Hauptbahnhof hinein. Als ich sage, dass ich nur nach Hause wolle, antwortet mir ein Polizist, ich müsse noch warten bis ich rein darf. Gemeinsam mit anderen Teilnehmer_innen der Gegendemonstration, suche ich eine andere Möglichkeit, in den Bahnhof zu gelangen, was uns dann auch gelingt. In der Bahn werde ich noch gefragt, ob die rechte Demonstration stattgefunden habe, da sie nur zwei Tage zuvor von der Innenverwaltung unter Andreas Geisel verboten wurde. Als ich zu meinem Bedauern antworte, dass die Rechten nun doch demonstrieren durften, setzt sich der Mann sichtlich enttäuscht hin.

Das Verhältnis von 150 rechten Demonstrant_innen zu 5.000 Gegendemonstrant_innen hat mir gezeigt, dass es den Berliner Antifaschist_innen ein Anliegen war, deutlich zu machen, dass sie rechte Hetze und die menschenverachtende Ideologie nicht hinnehmen wollen und es den Nazis nicht ermöglichen wollen, diesen Gedenktag zu instrumentalisieren. Dennoch ist es für mich nicht verständlich, dass eine rechtsextreme Demonstration am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht überhaupt stattfinden durfte. Denn der Naziaufmarsch an diesem Tag war eine „ungeheure Provokation gegenüber den Opfern der Shoah“, wie es auch David Kiefer, Pressesprecher des ‚Berliner Bündnisses gegen Rechts‘, in einer Pressemitteilung am 8.11. sagte.

Fotos und Text: Rahel Dimmerling