Hoch die interkiezionale Solidarität!

Hoch die interkiezionale Solidarität!
Unter dem Motto „Wir bleiben alle!“ kamen gestern um 17 Uhr über 2.000 Menschen bei einer Stern-Demo aus verschiedenen Richtungen am Lausitzer Platz zur Abschlusskundgebung zusammen.

Von der Verdrängung aus ihren Räumen bedrohte Kiezprojekte kämpften gemeinsam für ihren Erhalt – und gegen den Ausverkauf von autonomen Freiräumen und bezahlbarem Wohnraum.

Worum ging’s?
Auslaufende Miet- oder Pachtverhältnisse sowie Räumungsklagen gefährden „die Kiezkneipen Meuterei und Syndikat, das autonome Jugendzentrum Potse, das queer-feministische Hausprojekt Liebig34 und die Besetzungen der G17A [Großbeerenstaße17A]“ sowie das Drugstore, das älteste selbstverwaltete Jugendzentrum Berlins. Sie haben sich zum Aktionsbündnis Interkiezionale Solidarität vereint und zur Demonstration aufgerufen: Aus Kreuzberg, Schöneberg, Friedrichshain und Neukölln sind sie mit zahlreichen Unterstützer*innen auf die Straße gegangen

Immer mehr Häuser der Stadt werden aufgekauft, saniert, modernisiert. Dahinter stecken u.a. Wohnungsgesellschaften wie die Deutsche Wohnen oder die Unternehmensgruppe der Familie Padovicz. Die fatalen Folgen sind, dass alteingesessene Anwohner*innen, kleinere Gewerbe wie der Bekleidungsladen Kamil Mode am Kottbusser Damm oder autonom verwaltete Projekte entweder gekündigt und geräumt werden oder die überteuerten Mietpreise schlicht nicht mehr bezahlen können. Den Menschen wird so die Existenzgrundlage genommen, das bunte Kiezleben weicht luxuriösen Büro- oder Wohnanlagen und mit den Kiezprojekten werden Freiräume für alternative solidarische und offene Wohn-, Lebens- und Organisationskonzepte massiv bedrängt.

Was wurde gesagt?
„Warum tun sich diese Projekte zusammen?“ fragten die Organisator*innen der Interkiezionale zum Auftakt der Abschlussveranstaltung: „Weil sie das gleiche wollen, und zwar den Erhalt ihrer Räume. Bei allen […] handelt es sich um unkommerzielle Räume, die selbstverwaltet Orte des Wiederstandes gegen den Ausverkauf der Stadt bilden.“

Zwischen den Redebeiträgen der einzelnen Projekte heizten Lena Störfaktor und Faulenzer die Stimmung mit ihrer Musik an, beim Tanzen hielten sich die Teilnehmer*innen in der Kälte warm.

„Unter dem gemeinsamen Namen #besetzten haben unterschiedliche Gruppen im letzten Jahr Häuser besetzt“, berichteten zwei Mitglieder. Aus diesen Erfahrungen wurde für sie eines deutlich: „Fast alle Menschen in dieser Stadt sind potenziell von Verdrängung bedroht.“  Besetzungen schaffen und erhalten dagegen „offene, solidarische und unkommerzielle Räume […], die uns in der Verwaltungslogik der kapitalistischen Stadtentwicklung immer mehr fehlen.“ Gemeinsames Ziel dieser verschiedenen Besetzungen ist es, „eine Stadt von unten aufzubauen. Eine Stadt für alle, in der Geringverdienende, Arbeits- und Obdachlose sowie migrantische, schwarze, nicht deutsche und queere Communities nicht weiter systematisch verdrängt werden.“

Der Neuköllner Kiezladen Friedel54, ein selbstverwaltetes, soziales Zentrum, spricht aus eigener Erfahrung: „Bei der Zwangsräumung der Friedel54 im Juli 2017 gab es eine breite Solidarität“ für einen Ort „der Begegnung von Nachbar*innen, von Marginalisierten und von jenen, die sich gemeinsam mit ihnen gegen die Stadt von oben […] organisieren wollen.“ Eben „diese Art von Widerständen in sogenannten Freiräumen sind gerade in ganz Berlin bedroht“. Doch sie alle kämpfen gemeinsam und „stehen heute hier als Teil einer breiten stadtpolitischen Bewegung, in der Enteignung und Besetzung nicht nur Ideen, sondern feste Säulen der politischen Praxis geworden sind“ und „die der Verwertungslogik und ihren Profiteuren einen Strich durch die Rechnung machen wollen.“

Die Leute aus der Liebig34 sind entschlossen: „Wir werden keinen Platz für Luxusbauten machen. Wir brauchen Orte für Selbstverwaltung und des politischen Widerstandes. Wir werden um die Liebig34 kämpfen, denn die Liebig34 lebt!“

Auch die Menschen von der Meuterei betonen: „Wir sind jetzt seit neun Jahren im Kiez und wir wollen bleiben! Ende Mai läuft unser Mietvertrag aus, doch wir wollen nicht gehen.“ Die Meuterei ist nicht nur eine Kneipe, sie veranstaltet auch „Spielesonntage und Beratungssonntage“ und ist ein Versuch, „unseren Traum von einem Raum, der uns allen gefällt, möglich zu machen“: „Wir wollen einen selbstorganisierten, solidarischen Kiez, wo jeder mitgestalten und wohnen kann und niemand aufgrund von profitgeilen Investoren verdrängt oder auf die Straße gesetzt wird.“

Wie geht’s weiter?
Am 12.3. um 10 Uhr findet der Gerichtstermin bezüglich der Räumung von Kamil Mode statt – Unterstützer*innen treffen sich um 9:15Uhr am Kottbusser Tor oder um 10 Uhr in der Littensstr.12-17, 10179 Berlin, 3. Etage, Raum 3601.

Eine Initiative bietet von Verdrängung betroffenen Mieter*innen Starthilfe zur Selbstorganisation und organisiert in diesem Frühjahr einen Volksentscheid mit dem Ziel, die Deutsche Wohnen zu enteignen. Mehr Infos findest du hier.

Auf folgenden Internetseiten kannst du verfolgen, wie es bei den einzelnen Projekten weiter geht:

Text und Foto: Marie Bross