Wir Frauen? Wir alle!

Wir Frauen? Wir alle!
von Juliane Klaura

Wir Frauen* streiken am 8 März, trotz Feiertag. Um fünf vor zwölf setzen wir uns auf einen Stuhl in die Öffentlichkeit und legen die Füße hoch. Um fünf Uhr nachmittags schreien wir unseren Frust raus und zeigen unsere Entschlossenheit. Und zwischendurch gehen wir auf die Straße, demonstrieren. Und warum? Weil wir darauf aufmerksam machen wollen, dass es immer noch viel zu wenig Wertschätzung für uns und unsere Arbeit gibt. Nicht nur für die vielen Arten der Pflegearbeit und emotionaler Arbeit die wir leisten, sondern auch für die Lohnarbeit.

Gespaltener Protest
Aber wer sind wir eigentlich? Im Idealfall alle Frauen, Queers, Menschen die sich ein bisschen wie Frauen fühlen oder ganz wie Frauen oder die einfach von den gleichen Problemen betroffen sind. Im Idealfall fünfzig Prozent oder mehr der Berliner Bevölkerung, die sich miteinander für dieselbe Sache einsetzen. Doch so wird es wie immer nicht kommen. Einerseits, weil nicht alle Bescheid wissen werden, andererseits, weil nicht alle motiviert genug sein werden, um mitzumachen. Und zu guter Letzt, weil wir uns nicht einig sind. Am Freitag wird es zwei Demonstrationen geben. Eine, bei der cis-Männer mitkommen dürfen, eine weitere, bei der sie nicht erwünscht sind. Die Geister spalten sich daran so sehr, dass eine Einigung bisher nicht möglich war. Das schwächt die Bewegung von innen.

Und was macht frau nun mit einer solchen Situation? Sollten nicht Solidarität und Einigkeit unsere Stärke sein, mit der wir zu Recht fordern, was uns zusteht? Ja, das sollten sie. Und was dabei gar nicht hilft ist Geschlechterkategorisierung kombiniert mit Ausgrenzung. Wenn ein Mann sich informieren will, dann hilft es ihm nicht unbedingt, zuhause zu sein. Eine Teilnahme an den Aktionen des Frauen*kampftages eröffnet ihm Austauschmöglichkeiten mit anderen Streikenden. Er kann sich zum Beispiel Redebeiträge anhören, die die Situation erklären. Wenn er zufällig vorbeikommt, kann er sich anschließen und spontan mitmachen, ohne sich unwohl zu fühlen. Das kann vor allem dann wichtig sein, wenn er gerade erst beginnt sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. 

Nicht Gleiches mit Gleichem bekämpfen
Natürlich kann frau nachvollziehen, warum manche lieber auf die Anwesenheit von cis-Männern verzichten. Viele von uns haben schlechte Erfahrungen gemacht, mindestens jede Vierte hat sexualisierte Gewalt erfahren, frau wird von Männern oft nicht ernst genommen, angepackt und muss sich ungefragt Kommentare über Kleidung, Schminke et cetera anhören. Das soll am Tag der Frau nicht passieren. Aber lasst uns nicht den gleichen Fehler machen, den sie machen. Lasst uns nicht gleichzeitig offen mit unserer eigenen Identität umgehen aber klare Grenzen für die der anderen ziehen. Lasst uns nicht mit den Mitteln zurückkämpfen, mit denen sie uns oft klein zu halten versuchen. Und lasst uns Hilfe von Männern an diesem Tag auf verschiedene Weise akzeptieren. Ob nun durch Kinderbetreuung, Kochen, Putzen oder mit einer Teilnahme beim Protest, bei denen sie sich informieren und sensibilisiert werden können.

Arsch hoch für die Solidarität
In jedem Fall aber, kommt vorbei ¹! Ob Frau oder Mann, ob irgendwas dazwischen oder alles auf einmal oder gar nichts von allem. Seid dabei, wenn wir am 8. März unsere Stimme erheben. Für Selbstbestimmung, für Schönheit so wie wir sie selber wollen, gegen ungleiche Preise geschlechterspezifischer Produkte, gegen ungleiche Löhne, gegen den Pflegenotstand, gegen den emotionalen Workload von Frauen*, gegen Gewalt an Frauen*. Und lasst uns die größte Opposition gegen autoritäre und neoliberale Regierungen feiern, die es gibt – uns Frauen*!

Am besten, ohne uns voreinander zu fürchten und zu verstecken. Lasst uns den Frauen*kampftag einfach genießen, lasst uns genießen, dass weltweit in Solidarität gestreikt und protestiert werden wird. Lasst uns auch verstehen, was es bedeutet, eine Frau* zu sein, und welche Veränderungen lange überfällig sind, um das Frauendasein genauso erträglich zu machen, wie das aller anderen. Antiquierte Aufgabenteilung verschwindet nicht von selbst, wir sind weit davon entfernt, sie gänzlich zu verabschieden. Und deshalb lohnt es sich, am 8.März den Arsch hochzubekommen. In Berlin gilt das Keine-Zeit-Argument dieses Mal wirklich nicht!

Informationen zu den anstehenden Demos gibt es hier.

Foto: Women’s March 2019 Berlin

¹Dies ist kein Aufruf an cis-Männer, ungefragt zu Aktionen zu kommen, bei denen sie nicht erwünscht sind.