Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!

Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!
Das war der Schwur von Gefangenen und Verfolgten, der Widerstandskämpfer und Alliierten zum Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur. Am 74. Jahrestag dieses welthistorische Ereignisses sind vor drei Tagen etwa 200 Menschen zur Gedenkkundgebung am sowjetischen Ehrenmal an der Mutter Heimat im Treptower Park zusammengekommen.

Worum ging’s?
Seit 2007 organisiert die Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) jährlich Gedenk-Kundgebungen und Feierlichkeiten rund um den 8. und 9. Mai in Berlin. Im Fokus steht die Erinnerungsfeier des Tages der ‚Befreiung vom Faschismus’* sowie der Aufruf, aktiv aus der Geschichte zu lernen und gemeinsam solidarisch jeder Form von Fremdenhass, Diskriminierung und Ausgrenzung entgegenzustehen.

Besonders der militärische Beitrag der Roten Armee zur Beendigung des deutsch-nationalsozialistischen Expansionskrieges stand bei der Kundgebung zum 8. Mai am sowjetischen Ehrenmahl im Vordergrund. Am 25. April 1945 erreichte die Rote Armee Berlin, am 2. Mai kapitulierte die Stadt. Das ‚offizielle‘ Kriegsende erfolgte durch die Unterzeichnung der bedingungslosen Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht am 7. Mai 1945 in Reims und im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai. Der Zweite Weltkrieg forderte ca. 33 Millionen nichtdeutsche Opfer, etwa 20 Millionen davon aus der UdSSR.** Das Ehrendenkmal im Treptower Park erinnert an die in der Schlacht um Berlin gefallenen sowjetischen Soldaten, von denen 7.000 hier auf dem Ehrenfriedhof liegen. Es wurde vor genau 70 Jahren, am 8. Mai 1949 eingeweiht.***

An der Skulptur der Mutter Heimat haben sich an diesem stürmisch grauen Nachmittag Treptower Anwohner*innen, Vertreter*innen der linkspolitischen Parteien, antifaschistischer und sowjetischer Organisationen versammelt. Bunte Blumen und Kränze schmücken die großen Steinstatuen. Die drei Redebeiträge auf der Kundgebung werden eingeleitet und moderiert von der Autorin und Mitbegründerin des Bundes der Antifaschisten Treptow e.V., Ellen Händler. Gerahmt wurde die Veranstaltung durch die musikalischen Beiträge des in traditionell-sowjetischer Tracht gekleideten Ensembles Januschka. Gesungen wurden zur Begrüßung Meinst du die Russen wollen Krieg?, dann u.a. das Kosakenlied und zum Abschluss unter Einstimmung des Publikums Katjuscha.

Was wurde gesagt?
Gleich zu Beginn greift Ellen Händler die Beschädigung des Ehrenmals durch einen Farbanschlag am vorigen Wochenende**** auf und fragt : „Wen wollte man damit treffen? Die Mutter Heimat? Russland? Die sowjetischen Soldaten, die hier liegen, die 7.000 Toten, die wir heute ehren? Wollen sie uns treffen, … die wir dafür streiten, dass der Tag der Befreiung … als solcher in Erinnerung bleibt?“. Nun erst leitet sie die Kundgebung ein: „Ich danke euch allen, dass ihr hergekommen seid und ich erlaube mir, euch als Antifaschisten zu begrüßen im Namen des Bundes der Antifaschisten Treptow – willkommen! Wir treffen uns heute zum 74. Jahrestag der Befreiung und … verneigen uns … vor den 27 Millionen sowjetischen Toten, vor den 6 Millionen Juden, vor den vielen Millionen deutschen und anderen Toten in allen europäischen Ländern. Wir erinnern daran und wir sagen: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“

Katalin Gennburg, Abgeordnete der Linken im Abgeordnetenhaus Berlin, betont „der 8. Mai ist jedes Jahr ein sehr besonderer Tag und er wird an sehr vielen Orten dieser Welt begangen. … Im nächsten Jahr wird der 8. Mai ein Feiertag und darauf bin ich stolz, denn meine Partei Die Linke hat das erstritten. Wir stehen hier heute am größten Friedhof von Sowjet-Soldaten außerhalb Russlands, die im Kampf gegen den Hitler-Faschismus ihre Leben ließen. … In Mitten des von Gustav Meyer errichteten Gartendenkmals steht der Soldat mit dem Kind auf dem Arm und dem Schwert, das das Hakenkreuz zerschlägt. … Die städtebauliche Kontextualisierung kann man auch 70 Jahre später [nach der Einweihung] noch als treffsicher bezeichnen. … Das Gedenken verändert sich und es muss dringend weitergegeben werden. Hierfür fühle ich mich mitverantwortlich.“

Der geladene Vertreter der Russischen Botschaft richtet Grüße des Botschafters Sergej J. Netschajew aus und erklärt: „Diese Erinnerung an den Krieg ist Teil von uns allen, sie bestimmt uns und prägt uns nach wie vor, auch 74 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, des großen vaterländischen Krieges. Sie ist Teil unsrer Identität und … Gesprächsthema in den Begegnungen zwischen Russen und Deutschen. Denn zu hoch war der Preis, den die Sowjetunion für die Zerschlagung des Nationalsozialismus, für die Befreiung Europas zu zahlen hatte und zu gravierend die Katastrophe, in die die Nationalsozialisten ihr Land gestützt haben. Für die Pflege dieser Erinnerung und für Ihre Freundschaft möchte ich Ihnen … recht herzlich danken.“

Der Botschaftsrat aus der Botschaft Belarus erinnert: „In diesem Krieg hat Belarus etwa ein Drittel von seiner Bevölkerung verloren und jede Familie hat jemanden, der den Krieg nicht überlebt hat.“ Er bezeichnet die Erinnerung an den Krieg, wie sie auch durch das Denkmal erhalten wird, und die Gedenkarbeit als einen „Weg der Versöhnung“ und bedankt sich „bei allen Leuten [dafür], dass ihr hier am 8. Mai [her] kommt. Das zeigt, dass diese menschliche Verbindung lebendig ist.“

Wie geht’s weiter?
Am 9. Mai ab 14 Uhr läd der VVN-BdA auch am sowjetischen Ehrenmal zur Feier des Kriegsendes  unter dem Motto „Wer nicht feiert hat verloren“ ein.

Der Verbund streitet aktuell für die offizielle Anerkennung der sogenannten ‚Asozialen‘ oder ‚Berufsverbrecher‘, die im Dritten Reich in Konzentrationslager gesperrt, misshandelt und zur Zwangsarbeit genötigt wurden, als Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen. Hier kannst du dich direkt auf der Internetseite des VVN-BdA informieren.

Die Rosa Luxemburg Stiftung organisiert gemeinsam mit dem Dietz-Verlag und dem Willi Münzenberg Forum eine dreiteilige Vortrags- und Diskussionsreihe zum Thema „Alles Faschismus oder was?“ vom 7. bis 21. Mai. Infos dazu gibt es hier.

Am Sonntag, dem 19. Mai finden in mehreren deutschen Städten Demonstrationen anlässlich der bevorstehenden Wahl des Europaparlaments statt. Unter dem Motto „Ein Europa für Alle – deine Stimme gegen Nationalismus“ startet die Demo um 12 Uhr am Alexanderplatz in Berlin. Mehr Infos gibt es hier.

Anmerkungen:
*Der Begriff ‚Tag der Befreiung vom Faschismus‘ für die Ereignisse am 8. Mai 1945 ist politisch hoch umstritten. Zum einen lassen sich die Intentionen der Alliierten Mächte zum Kriegseintritt nicht allein auf die Bekämpfung des Faschismus reduzieren. Zum anderen impliziert diese Bezeichnung, dass das deutsche Volk von einer ihm äußeren Schreckensherrschaft befreit wurde. Sie brigt also die Gefahr, die Unterstützung oder wenigstens Er-Duldung des Naziregimes durch die breite Mehrheit der Bevölkerung zu verharmlosen.

**Daten über den historischen Ablauf zum Ende des Zweiten Weltkriegs stammen aus folgenden Quellen:

  • –Informationen zur politischen Bildung. Heft 259: Deutschland 1945-1949. Hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung. Überarbeitete Neuauflage. 2005 
  • –Informationen zur politischen Bildung. Heft 266: Nationalsozialismus II: Führerstaat und Vernichtungskrieg. Hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung. Neudruck 2004 
  • –dtv Lexikon. Band 20. Wel – Zz. Hrsg. von F. A. Brockhaus GmbH. Mannheim und Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG. München. 1997. Zweiter Weltkrieg. S.19-30  

***Infos über das Ehrenmal im Treptower Park:

www.berlin.de/senuvk/umwelt/stadtgruen/friedhoefe_begraebnisstaetten/de/sowjet_ehrenmale/treptowerpark/index.shtml

****Infos über die Beschädigung des Ehrenmals im Treptower Park:

www.neues-deutschland.de/artikel/1117971.treptower-park-sowjetisches-ehrenmal-geschaendet.html

Text und Foto: Marie Bross