We Rise

We Rise
Die Zahlen variieren je nach Fragestellung, doch ein Großteil der Frauen in Berlin wie in Deutschland hat bereits sexuelle Belästigung in irgendeiner Form erlitten. Ein Umstand, den We Rise ändern möchte. Das feministische Kollektiv lud am 18. Mai zur Demo und Kundgebung nach Neukölln; ab 12.30 Uhr wurde friedlich protestiert und gefeiert zugleich.

Worum ging’s?
Die Mittagssonne knallt auf den Hermannplatz, vornehmlich junge Frauen recken Schilder in die Höhe und tanzen zur Musik aus den Lautsprechern. Aretha Franklin und Beyoncé sind zu hören, Ikonen der Frauenbewegung, damals und heute: Etwa 50 Jahre liegen zwischen den Höhepunkten ihrer jeweiligen Wirkmacht. Heute muss gegen Sexismus immer noch demonstriert werden; female empowerment und der Kampf gegen sexuellen Missbrauch locken auch 2019 etliche Vorkämpferinnen auf die Straße. „Fast jeden Tag erlebe ich hier in Berlin sexuelle Belästigung“, sagt Fadhumo Musa Afrah. Der Aktivistin reicht’s. Gemeinsam mit Frauen und einigen Männern unterschiedlichster politischer Initiativen gründete die gebürtige Somalierin We Rise, das sich seit Dezember aktiv gegen sexuelle Belästigung einsetzt. „Ich will, dass wir Tag und Nacht die Straßen entlang laufen können, ohne Angst zu haben“, ruft sie kämpferisch und setzt sich an den Kopf des Protestzugs, dem etwa 300 Menschen folgen.

Was wurde gesagt?
Kämpferisch gibt sich auch Lena Chen. „Nett und still zu sein, hilft nicht und bietet auch keinen Schutz vor Übergriffen“, sagt die chinesisch-amerikanische Künstlerin. Chen ist Gründerin der Heal Her-Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Misshandelten eine Stimme zu verleihen. „Wir heilen gemeinschaftlich und schöpfen Kraft aus dem Austausch mit anderen Frauen“, erzählt sie. Nur wenn Frauen ihre Erlebnisse miteinander teilten und in die Öffentlichkeit trügen, könne sich die öffentliche Wahrnehmung verändern, ist sie überzeugt. Passend zu ihrer Blütenkrone lässt die 31-Jährige Blumen unter den Demonstrantinnen verteilen – als Zeichen für die vielen Geschichten, die nie gehört worden sind.
Überhaupt steht die Demonstration unter einem erstaunlich farbenfrohen Stern. Redebeiträge, die in ihrer Rhetorik US-amerikanisch anmuten, motivieren die selbstbewusst auftretenden Protestierenden sichtlich. Die Botschaft ist klar: Frauen brauchen sich nicht zu verstecken. „Es ist doch nicht normal, wenn wir uns morgens dazu entscheiden, etwas nicht zu tragen, weil es womöglich einladend wirken könnte“, heißt es von Seiten des Kollektivs. Wichtig ist den Initiatorinnen von We Rise auch die Ablehnung jeglichen rassistischen Gedankenguts. „Die Debatte wird heute von rechts instrumentalisiert“, meint Clara Debour, um gegen vermeintlich übergriffige Andersgläubige zu hetzen. „Sexuelle Belästigung ist herkunftsunabhängig“, erklärt sie. „Um das zu sehen, braucht man sich bloß die Polizeistatistik des Oktoberfests anschauen.“ We Rise setze sich gegen Sexismus, Rassismus, Klassismus und Ableismus zur Wehr. Gemeinschaftlicher Aktivismus sei das Motto der Stunde, und nicht „blaming oder shaming.“

Wo ging’s lang?
Von künstlerischen Performances begleitet verlief die Route vom Hermannplatz über den Kottbusser Damm und die Skalitzer Straße. Vom Görlitzer Bahnhof liefen die Demonstrantinnen die Oranienstraße entlang, um auf dem Oranienplatz die Demo mit einem Flashmob abzuschließen.

Wie geht’s weiter?
Über kommende Aktionen und Veranstaltungen informiert das Kollektiv We Rise auf ihrer Facebook-Seite.


Text: Julia Hubernagel
Fotos: Henry Schwietzke